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Gefängnishefte in 10 Bänden
Kritische Gesamtausgabe auf der Grundlage der von Valentino Gerratana im Auftrag des Gramsci-Instituts besorgten Edition.
Herausgegeben vom Deutschen Gramsci-Projekt unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Klaus Bochmann (Universität Leipzig) und Prof. Dr. Wolfgang Fritz Haug (Freie Universität Berlin).
Übersetzt von Klaus Bochmann, Ruedi Graf, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, Gerhard Kuck, Joachim Meinert und Leonie Schröder.
Warum Gramscis Gefängnishefte lesen?
"Es hat lange gedauert, bis begonnen werden konnte, Antonio Gramscis Arbeitshefte aus dem faschistischen Gefängnis auf deutsch zugänglich zu machen. Es bedurfte der Durchbrechung der "Mauer", um den Weg frei zu machen für eine ost-westdeutsche Kooperation von Wissenschaftlern und Übersetzern, die das aufwendige Unternehmen aus eigenem Antrieb tragen: als ein wahrhaft >zivilgesellschaftliches< Projekt. Die Konstellation ist nicht zufällig: Wie Rosa Luxemburg oder, unter den radikal anderen Bedingungen Perus, José-Carlos Mariátegui, den man den >lateinamerikanischen Gramsci< genannt hat, tritt auch Gramscis Aktualität in diesem historischen Moment neu ins Bewußtsein. Der unter Stalin beschrittene Weg des staatsmonopolistischen Sozialismus hat sich als Sackgasse herausgestellt. Sie führte nicht zu sozialistischen Verhältnissen und versagt schließlich an der Schwelle zur hochtechnlogischen Produktionsweise selbst als >>Entwicklungsdespotie<< (Bahro) und als System der Machtpolitik.
Was hier nun so spät erscheint - vierzig Jahre nach Erscheinen einer ersten italienischen Ausgabe und mehr als 15 Jahre nach Valentino Gerratanas Kritischer Ausgabe, ist nicht nur das Hauptwerk seines Verfassers, sondern ein Hauptwerk der politischen Philosophie des 20.Jahrhunderts.
Die deutsche Gesamt-Ausgabe der Gefängnishefte mußte ohne andere finanzielle Unterstützung als die des Argument-Verlags, dem der Dank dafür gebührt, auf den Weg gebracht werden. Hier wird nun der ganze Kuchen aufgetischt, nicht nur die Rosinen. Auf Anhieb scheint das Gesamte schwerer genießbar, als das mundgerecht Aufbereitete. In ihrer zunächst chronologischen, dann zunehmend thematisch bestimmten Abfolge führen zweitausendeinundsechzig Textstücke die Genealogie eines neuen Denkens vor. Dies mutet zu, sich geduldig darauf einzulassen, wie Gramsci sich auf das Gedankenmaterial seiner Zeit eingelassen hat, den mosaikartig auseinandergelegten Produktionsakt seiner Einsichten zu verfolgen, den Weg durchs Material mitzugehen, das Ungesicherte, die Mehrdeutigkeiten auszuhalten.
Die Produktionsweise seines Denkens ist zuletzt durch den Zusammenbruch des Marxismus-Leninismus in ihrer Unausweichlichkeit sichtbar geworden, weil sie die Daseinsbedingung eines lebendigen Marxismus vorführt. Daß jede Zeit ihr eigenes Material produziert, die neue Notwendigkeit, in der Auseinandersetzung den Weg durch eine neue Wirklichkeit zu suchen, ist Gramscis praktische Botschaft, die nicht veralten kann. Es wird kein leichter Weg sein, aber viel leichter, als im Weglosen oder in der Sackgasse steckenzubleiben."
(Aus dem Vorwort von Wolfgang Fritz Haug zum ersten Band der Gefängnishefte)
Zur deutschen Übersetzung der Gefängnishefte
>>Gramsci übersetzen ist ein Wagnis. Es erfordert eine eit größere intellektuelle Anstrengung, als die meisten anderen Texte der modernen italienischen Kultur es tun. Offenbar hängt sogar die späte Gramsci-Rezeption in Deutschland mit den Übersetzungsschwierigkeiten und nicht nur mit der geringen Zahl und dem fragmentarischen Charakter der früheren deutschen Ausgaben zusammen. Sein weitgespannter, in einer äußerst reichen Lexis und einem dichten Ausdruck kristallisierter kultureller Horizont,eihekeiten und dem Herantasten an neue Bezüge und Begriffe alternieren läßt, stellenweise auch der äußere Zwang der Kerkerhaft, in der >Sklavensprache< politisch Subversives als harmlose historische, kulturkritische oder philosophische Studien zu tarnen: all dies läßt die Übersetzungsschwierigkeiten nicht selten an diejenigen gemahnen, die poetische Texte bieten. (...)
Natürlich birgt die Gesamtausgabe in der von Gerratana vorgelegten, strikt chronologisch geordneten Form auch manchen Nachteil, der unserer deutschen Ausgabe ebenso anhaften wird. Am schwersten wiegt, daß der oft fragmentarische und skizzenhafte Charakter der Notizen die Orientierung in den Texten nicht gerade leicht macht. Hinzu kommt die thematische Heterogenität namentlich der ersten Hefte. Wer aber Gramscis Begrifflichkeit und Denkweise gründlich erkunden will, muß und wird diese Erschwernisse in Kauf nehmen. Er wird später belohnt werden: nach den ersten Heften >>vermischten Inhalts<< gewinnen die darauffolgenden zunehmend an thematischer Einheitlichkeit; viele von ihnen lassen auch sprachlich die erneute Bearbeitung erkennen.
Aus der Spezifik der italienischen Vorlage leiten sich einige Übersetzungsprinzipien folgerichtig ab. Gramsci so getreu wie möglich zu übertragen, so nahe am Original, wie es dem deutschen Leser zumutbar ist, bedeutet für uns folgendes:
1. Genauigkeit geht vor Ästhetik.
2. Gramscis Schlüsselbegriffe sind in einer eingängigen Form und einheitlich wiederzugeben.
3. Im Zweifelsfall ist dem italienischen Ausdruck oder einem ihm angenäherten Fremdwort der Vorzug vor einer ungenauen oder überinterpretierenden Übersetzung zu geben.
Der Anmerkunsapparat Gerratanas wird von uns bis auf unwesentliche Straffungen vollständig übernommen.
Nach dem Abschluß der deutschen Übersetzung aller 29 Hefte wird eine Konkordanz der deutschen Textausgaben sowie ein Sachregister und ein Glossar unsere Ausgabe beschließen."
(Aus der >>Editorischen Vorbemerkung<< von Klaus Bochmann)
Zur Entstehung der Gefängnishefte
>>Gramsci beginnt die Abfassung der Hefte im Gefängnis von Turi, am 8. Februar 1929, zweieinviertel Jahre nach der Verhaftung. Die Langsamkeit dieser Entstehung hängt nur zum Teil von äußeren Bedingungen ab. Als Gefangener dieses Regimes, in dem Marxismus ein Verbrechen geworden ist, weiß er, daß er auf alles gefaßt sein muß, auch darauf, >wie ein Stein im Ozean zu verschwinden< (dies ist sein erster Eindruck, den er im Brief an seine Frau vom 13. Januar 1931 niederschreibt, als er irrtümlicherweise im römischen Gefängnis Regina Coeli erfährt, er sei für die Deportation nach Somalia bestimmt). In der Ungewißheit über das ihm bevorstehende Schicksal stellt sich ihm die Frage der theoretischen Arbeit anfangs als System der Selbsverteidigung gegen die Gefahr geistiger Abstumpfung. Als er in einem Brief vom 11. Dezember 1926 aus Ustica den Freund Piero Sraffa darum bittet (und erreicht), daß dieser ihn regelmäßig mit Büchern und Zeitschriften versorgt, ist es vor allem das, woran er denkt. Aber Ustica ist nur eine kurze Zwischenstation (manches daran ist nicht einmal so unangenehm nach den sechzehn in Regina Coeli in vollständiger Isolation verbrachten Tagen), und im Gefängnis von Mailand, während er auf seinen Prozeß wartet (7. Februar 1927 bis 11. Mai 1928), stellt sich ihm die Frage der theoretischen Arbeit erneut und - wegen des Zusammentreffens widerstreitender Bedürfnisse - in quälender Weise. Lesen und arbeiten um die Zeit nützlich zu verbringen und sich vor der intellektuellen und moralischen Zerrüttung zu schützen, in die das Gefängnisleben einen treibt, ist auch weiterhin ein lebensnotwendiges Bedürfnis, unter der Voraussetzung jedoch, daß es einen übergeordneten Zweck erhielte, in Gestalt eines um seiner selbst willen verfolgten Ergebnisses, daß mehr als bloß Mittel zum physischen Überleben wäre. Zwischen der theoretischen Arbeit als Lebensgrund und der theoretischen Arbeit als Mittel zum Überleben entsteht eine Spannung, die nicht leicht auszugleichen ist. Aus dieser Spannung erwächst die erste Idee für die zukünftigen Hefte.
Gramsci hat in einer Zeit tiefer Umwälzungen geschrieben, für Leser, die sich mit neuen Erfahrungen auseinandersetzen mußten und im Besitz neuer Urteilselemente waren, die er in der Isolation des Gefängnisses nur konfus wahrnehmen konnte. Diesen Lesern bot er eine in die Tiefe gehende Reflexion der eigenen politischen und kulturellen Erfahrung und die theoretische Konstruktion einer komplexen kritischen Methodologie an, um die in der zeitgenössischen Welt ablaufenden Prozesse aktiv angehen zu können. Zu Recht darf man annehmen, daß er an Leser dachte, die fähig seien, ihn zu ergänzen und in einigen Punkten auch zu korrigieren: als antidogmatischer Marxist hätte er sich keine anderen Leser wünschen können. Aber um so wichtiger war es, daß das, was als >noch in Ausarbeitung befindliches Material< geschrieben worden war, als solches gelesen würde, daß das >Provisorische< nicht als >Definitives< erschiene.<< (Aus der Einleitung von Valentino Gerratana zur italienischen Ausgabe der Gefängnishefte)
Inhalt der Gefängnishefte-Einzelbände
Band 1 (1. Heft).
Hg. von Klaus Bochmann
W.F. Haug: Vorwort, K. Bochmann: Editorische Vorbemerkung; Valentino Gerratana: Einleitung und technische Erläuterungen. Chronologie des Lebens von Antonio Gramsci. Erstes Heft. Kritischer Apparat zum 1. Heft.
288 Seiten. ISBN 3-88619-411-6.
Band 2 (2. und 3. Heft).
Hg. von Wofgang Fritz Haug.
<Miszellen>.
2. Heft (1929-1933): Vermischtes I.
3. Heft (1930): >Miszellen<. Kritischer Apparat zum 2. und 3. Heft.
370 Seiten. ISBN 3-88619-412-4
Band 3 (4. und 5. Heft)
Hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug
4. Heft (1930-1932): Notizen zur Philosophie I. <Miszellen>. Der zehnte Gesang der Hölle. <Miszellen>.
5. Heft (1930-1932) <Miszellen>. Kritischer Apparat zum 4. und 5. Heft.
350 Seiten. ISBN 3-88619-413-2
Band 4 (6. und 7. Heft)
Hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug unter Mitwirkung von Peter Jehle
6. Heft (1930-1932): <Miszellen>.
7. Heft (1930-1931): Notizen zur Philosophie II. <Miszellen>. Kritischer Apparat zum 6. und 7. Heft.
340 Seiten. ISBN 3-88619-414-0
Band 5 (8. und 9. Heft)
Hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug unter Mitwirkung von Peter Jehle
8. Heft (1931-1932): Arbeitsplan. <Miszellen>. Notizen zur Philosophie III. <Miszellen>.
9. Heft (1932): <Miszellen>. Anmerkungen zum italienischen Risorgimento. <Miszellen>. Kritischer Apparat zum 8. und 9. Heft.
380 Seiten. ISBN 3-88619-415-9
Band 6 (10. und 11. Heft)
Philosophie der Praxis
Hg. von Wolfgang Fritz Haug unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle und Gerhard Kuck. Übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Wolfgang Fritz Haug.
10. Heft (1932-1935): Anhaltspunkte für einen Aufsatz über B. Croce. Die Philosophie Benedetto Croces. <Notizen zur Philosophie IV>.
11. Heft (1932-1933): <Einleitung ins Studium der Philosophie>. <Warnung>. Notizen und Angaben historisch-kritischer Art. Notizen zu einer Einführung und einer Einleitung ins Studium der Philosophie und Kulturgeschichte. Kritischer Apparat zum 10. und 11.Heft.
410 Seiten. ISBN 3-88619-416-7
Band 7 (12. bis 15.Heft)
Hg. von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug und Peter Jehle unter Mitwirkung von Ruedi Graf und Gerhard Kuck.
12. Heft (1932): Aufzeichnungen und verstreute Notizen für eine Gruppe von Aufsätzen über die Geschichte der Intellektuellen.
13. Heft (1932-1934): Anmerkungen zur Politik Machiavellis.
14. Heft (1932-1935): <Miszellen>.
15. Heft: <Miszellen>. Kritischer Apparat zum 12. bis 15.Heft.
390 Seiten. ISBN 3-88619-417-5
Band 8 (16. bis 21.Heft)
Hg. von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug und Peter Jehle unter Mitwirkung von Ruedi Graf und Gerhard Kuck
16. Heft (1933-1934): Kulturthemen I, §§1-30
17. Heft (1933-1935): Miszellen, §§1-53
18. Heft (1934): Niccolò Machiavelli II, §§1-3
19. Heft (1934-1935): á Italienisches Risorgimentoñ, §§1-58
20. Heft (1934-1935): Katholische Aktion Integrale Katholiken Jesuiten
Modernisten, §§1-4
21. Heft (1934-1935): Probleme der italienischen Nationalkultur. 1. Popularliteratur, §§1-15
400 Seiten. ISBN 3-88619-418-3
Band 9 (22. bis 29. Heft)
Herausgegeben von Wolfgang Fritz Haug und Klaus Bochmann
Heft 22: Amerikanismus und Fordismus
Heft 23: Literaturkritik
Heft 24: Journalismus
Heft 25: An den Rändern der Geschichte (Geschichte der subalternen gesellschaftlichen Gruppen)
Heft 26: Kulturthemen
Heft 27: Bemerkungen zur »Folklore«
Heft 28: Lorianismus
Heft 29: Notizen für eine Einführung ins Studium der Grammatik
292 Seiten. ISBN 3-88619-419-1
Band 10 (Konkordanz/Registerband) ISBN 3-88619-420-5
- Sachregister
- Personenregister
- Verzeichnis der zitierten Literatur
- (A) Von Gramsci zitierte Bücher und Zeitschriftenartikel
- (B) Kollektivwerke, Werke ohne Autorennamen, Anthologien
- (C) Wörterbücher, Enzyklopädien, Bibliographien
- (D) Von den deutschen und italienischen Bearbeitern benutzte Literatur
- Verzeichnis der Werke im Besitz Gramscis (Fondo Gramsci), die nicht in den “Gefängnisheften” zitiert werden
- Verzeichnis der Übersetzungs- und Sacherläuterungen zu problematischen Begriffen
- Manuskript-Beschreibung der Übersetzerhefte A - D
Konkordanz zu den Gramsci-Ausgaben von Christian Riechers, Guido Zamis, Klaus Bochmann und Sabine Kebir
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